Malweiber … die II.

malpinselAuch sie war eine der Frauen, die zu ihrer Zeit unter dem Begriff Malweiber von den Herren der Schöpfung mehr oder weniger offen belächelt wurde. Sie selber sagte zum Beispiel über Cézanne: ‚Und Cézanne! Das ist ein Kerl, der auf mich gewirkt hat wie ein großes Gewitter‘. Neugierig, um welches ‚Malweib‘ es sich diesmal handelt?

Aktuell gibt es auch über sie einen Film im Kino: Paula. Er zeigt ihre letzten sieben Lebensjahre. Der Film fokussiert sich m.E. nach zwar zu sehr auf ihre ‚komplizierte Ehe‘ mit Otto, aber es kommt auch ein wenig durch, wie Paula Modersohn-Becker in diesen Jahren künstlerisch aktiv war und ihren ganz eigenen Malstil fand.

Modersohn-Becker_-_Selbstbildnis,_frontal_-_1987.jpg

Paula wurde 1876 in Dresden geboren und starb bereits 1907 in Worpswede, mit gerade mal 31 Jahren. Von diesen 31 Jahren hat sie knapp 14 Jahre fast schon exzessiv gemalt. Ihr Werk umfasst 750 Gemälde, ca. 1.000 Zeichnungen und ein Dutzend Radierungen. Sie gilt in meinen Augen zu Recht als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus.

Paula war gerade zwei Jahre alt, da zogen ihre Eltern mit ihr und ihren Geschwistern nach Bremen. Familie Becker legte Wert auf eine umfassende Erziehung und so erhielt Paula, wie ihre Geschwister auch, schon früh Kunst- und Klavierunterricht. Ihre ersten Zeichenstunden hatte sie mit 16 Jahren in England, dort war sie über mehrere Monate zu Besuch bei einer Tante väterlicherseits.

Von da an stand für Paula fest: Ich werde Malerin!

“Ich habe so den festen Wunsch und Willen, etwas aus mir zu machen, was das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht und selbst ein wenig strahlen soll.“

Ihr Vater machte ihr da allerdings erst mal einen Strich durch die Rechnung. Selber zwar durchaus ein Kunstfreund, aber in seinen Augen und zur damaligen Zeit generell für ‚höhere Töchter‘, war Malerin für ihn keine Option. So besuchte sie zunächst auf Drängen der Eltern ein Lehrerinnenseminar für höhere Töchter. Doch gleichzeitig lässt sie sich in Bremen vom Künstler Bernhardt Wiegant Zeichen- und Malunterricht erteilen.

Paula war für ihre Zeit recht emanzipiert und eigenwillig und so setzte sie durch, dass sie im Anschluss an das Lehrerinnenseminar 1896 einen Kurs des „Vereins der Berliner Künstlerinnen“ belegen durfte. 1897 besuchte sie erstmals das heute als Künstlerkolonie Worpswede bekannte Dörfchen. Dort wohnten und wirkten u.a. die Künstler Otto Modersohn, Clara Westhoff und Marie Bock. In ihrem Kreis fühlte sie sich sofort wohl und akzeptiert. Sie lernt hier auch Fritz Mackensen kennen, bei dem sie ab sofort Unterricht nimmt.

Nachdem Paula 1898 endgültig nach Worpswede umgezogen ist, schickt sie gemeinsam mit der Malerin Marie Bock 1899 eine kleine Sammlung ihrer Studien und zwei Bilder zu einer Ausstellung an die Bremer Kunsthalle.

Die Kunsthalle Bremen hatte bereits 1895 zum ersten Mal Werke von Worpsweder Künstlern gezeigt und so wurden auch ihre Werke in die aktuelle Ausstellung aufgenommen. Nur, das Publikum war nicht sehr angetan von den meist dunkeltonigen und breitflächigen Bildern der beiden Künstlerinnen und reagierte eher äußerst irritiert. In der damaligen Presse, u.a. im ‚Weser-Kurier‘ wurde der Kunstkritiker & Maler Arthur Fitger mit den Worten ‚unqualifizierte Leistungen‘ zitiert. Die Bremer Hanseaten ganz generell wunderten sich, wie die Kunsthalle sich auf ‚dieses erbärmliche Niveau‘ herablassen konnte.

Wer jetzt denkt, dass diese harsche Kritik und heftigen Publikumsreaktionen Paulas Drang zum Malen reduziert habe, der täuscht sich gewaltig. Für sie war es der letzte Anstoß, ihren Traum wahr zu machen: Paris! Sie reist in der Silvesternacht 1899 mit dem Zug von Bremen nach Paris.clara_rilke_westhoff

 

Sie war gemeinsam mit ihrer Freundin Clara – Clara Westhoff (spätere Ehefrau von Rainer Maria Rilke) – nach Paris gekommen. Paula war selig. Sie studierte an der Académie Colarossi und betrachtete immer wieder stundenlang die vielen herrlichen Bilder im Louvre.

 

 

otto_modersohn_schlafendIrgendwann im Jahr 1900 ging es für Paula zurück nach Worpswede. Dort heiratete sie dann im Jahr 1901 den Maler Otto Modersohn, den sie bereits 1897 in Worpswede kennengelernt hat. Er war mittlerweile Witwer und hatte aus seiner ersten Ehe eine kleine Tochter, Elsbeth, die Paula inniglich liebte. Sie hat hier wohl ihre bis dahin unerfüllte Sehnsucht nach einem eigenen Kind ausgelebt, denn die Ehe mit Otto wurde erst nach Jahren ‚vollzogen‘, wie man so schön sagt. Aber darum ging es 1901 erst mal nicht, schließlich musste der Witwer samt Kind versorgt werden. Wie gut, dass Paulas Eltern vor der Eheschließung auf einen Kochkurs bestanden haben…

Nun, als verheiratete Frau hatte sie – auch in den Augen ihrer Eltern – einen besseren und vor allem gesicherten Status. Paula nutzte ihre Zeit neben Haushalt und Kind für ihre Malerei. Von ihrer anfänglich noch sehr an die Akademievorgaben angelehnte Malerei fand sie nun zu ihrem persönlichen und eigenständigen Stil. Bekannt sind besonders ihre zahlreichen Mädchen- und Frauenbilder, Porträts und auch ihre intensiven Selbstporträts. Oft saßen ihr Leute aus dem Dorf oder gar ‚Armenhäusler‘ Modell.

Doch ihre Bilder irritierten erneut: sie malte vereinfachte Formen, pastose Farben und die Natur malte sie nicht in der vertrauten idyllischen Art. Selbst ihr Gatte Otto war kein großer Fan von ihrem Malstil. Er äußerte einmal, dass sie ‚dem Fehler verfalle, alles lieber eckig, hässlich, bizarr und hölzern zu malen. Die Farbe famos – aber die Form? Der Ausdruck! Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins.‘

Sie schrieb damals in ihr Küchenhaushaltebuch: ‚Es ist meine Erfahrung, dass die Ehe nicht glücklicher macht.‘ …und nebenbei kochte sie Kalbsbraten…

Paula wurde es im künstlerischen Sinne in Worpswede zu eng und sie reiste in den Jahren 1900 bis 1907 mehrmals, nun als Paula Modersohn-Becker, nach Paris. Während ihrer längeren Aufenthalte studiert sie an der Akademie Colarossi und an der École des Beaux-Arts und knüpft Kontakte zur künstlerischen Avantgarde. Besonders intensiv beeinflusst wird Paula von Cézanne und Gauguin, deren große Bedeutung sie als eine der ersten unter den Künstlern in Deutschland erkennt.

otto-modersohn-becker_016Heute würden wir sagen, dass die Ehe von Paula und Otto Modersohn suboptimal lief. 1906 sieht es sogar nach einer endgültigen Trennung aus. Ihre Parisaufenthalte werden immer länger und Otto bleibt ‚untätig‘ in Worpswede. In Paris traf Paula auf Rilke, der mittlerweile von seiner Frau Clara getrennt lebte. Er fand Paula als Frau schon immer sehr attraktiv, jedoch weniger als Künstlerin. Das änderte sich jetzt allerdings gravierend, denn erst jetzt hatte er Gelegenheit Paulas Bilder ausgiebig zu studieren. Sie kamen sich unter den gegebenen Umständen ‚gefährlich‘ nah. Just in diesem Moment ergreift Otto die Initiative und reist nach Paris, um Paula zurückzugewinnen.

mathilde-paula

 

Du glaubst es kaum, aber Paula fährt tatsächlich mit ihm zurück nach Worpswede. Im Jahr 1907 wird ihre Ehe tatsächlich ‚vollzogen‘ und Paula wird schwanger, endlich! Ihr sehnlichster Wunsch nach einem eigenen Kind soll Wirklichkeit werden. Es wird aber auch ihr Schicksal, denn Paula stirbt nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde noch im Kindbett an einer Embolie. Zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich, leider.

Die Künstlerin Paula Modersohn-Becker hatte es nicht einfach. Sie malte gegen das Unverständnis der Männerwelt, den Widerstand der Familie, den Spott und Hohn der Kunstkritiker der damaligen Zeit an. Paula ließ sich nicht beirren und malte ihre Bilder, suchte ihren Stil zu finden. Beginnend bei expressiver regionaler Naturlyrik der Jahrhundertwende kommt sie mit ihren Bildern von bäuerlichen Frauen und Kindern, in Selbstbildnissen und Stillleben zu einer ausdrucksbetonten, großflächigen und farbig-expressiven Malerei. Durch ihre Pariser Schulung war sie ihren Worpsweder Künstlerkollegen in der Entwicklung der internationalen Kunst voraus.

Mit ihrer bedingungslosen Hingabe zur Kunst widersprach sie völlig den damals üblichen weiblichen Verhaltensnormen, doch für sie gab es nur ihre schöpferische Arbeit mit dem Ziel:

“Ich werde noch etwas. Wie groß oder wie klein, dass kann ich selbst nicht sagen, aber es wird etwas in sich Geschlossenes. Dieses unentwegte Brausen dem Ziele zu, das ist das Schönste im Leben.“

Für mich eine wahrlich beeindruckende Persönlichkeit!

Übrigens: Unter Malweiber findest du einen früheren Artikel von mir über Marianne von Werefkin, ebenfalls eine sehr beeindruckende Malerin & Persönlichkeit unter den damaligen Malweibern.

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