Es war Zufall

ruthklueger

…so sagt sie selbst, wenn man sie auf ihre Rettung anspricht. Genauso war es Zufall, das sie in mein Leben kam. Vom ersten Moment an war ich interessiert, fasziniert und wollte mehr wissen. Daher gibt es heute einen Artikel über Ruth Klüger

Ruth Klüger wurde am vergangenen Sonntag stolze 85 Jahre alt und ist immer noch top fit. Geistig sowieso und dank eines Herzschrittmachers auch körperlich ;-). Das sie überhaupt so alt geworden ist, stand in ihrem Leben schon ein paar mal auf Messers Schneide.

Ruth, eigentlich Susanne Ruth Klüger, wurde 1931 als Tochter eines jüdischen Gynäkologen in Wien geboren. Als sie sieben Jahre alt war, hatte sich Österreich Nazi-Deutschland angeschlossen und das hatte bekanntlich viele Folgen: Keine Angst, dass wird jetzt keine Aufarbeitung, aber wusstest du, dass Juden – neben den ganzen anderen furchtbaren Repressalien – sich auf keine öffentliche Parkbank mehr setzen durften?

Leider kam es noch schlimmer: Sie wurde gemeinsam mit ihrer Mutter 1942 zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz und letztendlich ins Arbeitslager Christianstadt deportiert. Als sie 1945 erneut verlegt werden sollten, gelang ihr mit ihrer Mutter kurz vor Kriegsende auf dem Todesmarsch von Christianstadt nach Bergen-Belsen die Flucht.

Bis 1947 lebte sie mit ihrer Mutter in Straubing / Bayern und machte dort das sogenannte Notabitur. Danach begann sie mit nur 15 Jahren in Regensburg an der Philosophisch-Theologischen Hochschule ein Studium. Einer ihrer damaligen Kommilitonen war Martin Walser, mit dem sie zunächst eine jahrelange Freundschaft verband. Bis er 2002 den umstrittenen Roman Tod eines Kritikers herausbrachte. Im Mittelpunkt stand Marcel Reich-Ranicki und Ruth kritisierte in einem offenen Brief an den Autor seine antisemitische Tendenz und beendete von da an die Freundschaft mit Martin Walser. Überhaupt galt und gilt Ruth Klüger bis heute als ‚unsentimental und unbestechlich‘.

1947, sie wollte damals nach Israel auswandern, zu ihren Wurzeln, aber Israel wollte sie nicht. So kam es, dass sie im Oktober 1947 gemeinsam mit ihrer Mutter in die USA emigrierte. Egal, nur weg aus Deutschland! Vor einigen Jahren sagte sie einmal in einem Interview, gefragt, was sie rückblickend unbedingt anders machen würde: Es tue ihr leid, dass sie in Amerika gelandet ist und nicht in Israel, dort hätte sie zu einer Mehrheit gehört. In Amerika habe man sie als fremd und wandelndes Mahnmal eingestuft. Sie hatte ihre KZ-Nummer auf dem Arm, was für sie ein Teil ihres Lebens war. Auch kannte sie viele Leute die ebenfalls diese Nummer hatten. Sie war gar nicht auf die Idee gekommen, dass das so ‚mahnend‘ wirkte. Mittlerweile hat sie diese entfernen lassen.

Sie lebte und studierte zunächst in New York, mit ihrer Mutter, hatte aber kein wirklich gutes Verhältnis zu ihr. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der gemeinsamen Zeit in den KZ’s. Erst als ihre Mutter bereits sehr alt war, kamen sie sich wieder näher. Jedenfalls kam es so, dass sie in Kalifornien ihr Germanistikstudium begann und ihre Mutter in New York zurück blieb. Dort lernte Ruth, ihren ersten Vornamen Susanne hatte sie bereits mit sieben Jahren aus Protest abgelegt, den Historiker Werner Angress kennen und lieben. Sie heirateten, bekamen zwei Kinder und ließen sich wieder scheiden. Laut ihrer eigenen Aussage war er ein guter Historiker, allerdings ein lausiger Ehemann. Sie blieben nach ihrer Scheidung aber bis zu seinem Tod im Jahr 2010 sehr freundschaftlich verbunden.

Sie hatte Bibliothekswissenschaften und Germanistik studiert, wurde zur Expertin für mittelalterliche Literatur, arbeitete als Hochschullehrerin und Literaturkritikerin. Nach ihrer Scheidung promovierte sie 1967 über die Lyrik des Barocks. 1980 folgte sie dem Ruf der Princeton University und übernahm einen Lehrstuhl für Germanistik. 1986 folgte sie dann dem Ruf der University of California in Irvine, kurz UCI, wo sie bis heute Vorlesungen hält.

Sie hat bis Ende der 1980iger Jahre nur wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, obwohl sie schon als Kind im KZ Gedichte reimte und diese in Ermangelung von Papier zunächst in ihrem Kopf abspeicherte und Jahre später für sich aufschrieb. Genau in den 1980iger Jahren folgte sie einer Einladung der Göttinger Universität als Gastprofessorin. Daraus wurde eine über zwanzig Jahre währende Tätigkeit. Sie sagt, in Göttingen konnte sie sich erstmals wieder an die Deutschen herantasten und trotzdem atmen. Im Gegensatz zu Wien, hier könnte sie weiterhin nur begrenzt sein, die Stadt wirke bedrückend auf sie. Niemals würde sie Wien ihre Heimatstadt nennen, sie habe keine Heimat, Wien sei lediglich ihre Geburtsstadt.

In Göttingen wurde sie 1988 bei einem Verkehrsunfall lebensgefährlich verletzt und ihr Leben hing fast zwei Jahre immer wieder an einem seidenen Faden. In dieser Zeit kamen bei ihr alle sorgsam vergrabenen Kindheits- und Jugenderinnerungen wieder hoch und sie begann literarisch zu schreiben um zu verarbeiten.

Ihre erste literarische Veröffentlichung ‚weiter leben‘ erschien 1992, da war sie bereits über 60 Jahre alt, und wurde unmittelbar von Kritikern und Lesern hoch gelobt. Als wäre ein Damm gebrochen, folgten nun zahlreiche weitere literarische Veröffentlichungen:

  • 1996 – Frauen lesen anders
  • 1997 – Katastrophen. Über deutsche Literatur
  • 2002 – Gelesene Wirklichkeit
  • 2007 – Gemalte Fensterscheiben *
  • 2008 – Unterwegs verloren **
  • 2010 – Was Frauen schreiben
  • 2013 – Zerreißproben

* Diesen Titel hat sie in Anlehnung an das Goethe-Gedicht gewählt.

** Dieser Titel ist einem Satz von Herta Müller (Literaturnobelpreisträgerin 2009) entnommen.

Sämtliche ihrer Bücher sind autobiografisch und sachlich, ‚G’schichterln kann ich nicht erzählen‘. Sie habe es mehrfach vergeblich versucht und mit jedem gescheiterten Versuch wuchs ihre Achtung vor dem besonderen Talent der Romanciers und Geschichtenschreiber.

Mittlerweile lebt und arbeitet Ruth Klüger den größten Teil des Jahres in Kalifornien, aber sie lebt weiterhin jedes Jahr mehrere Monate in Göttingen.

Vor knapp zehn Jahren ist sie erstmals mit ihren beiden Söhnen und deren Familien nach Wien gereist. Allerdings nicht auf ihren Wunsch hin, sondern weil ihre Söhne wissen wollten, wo sie geboren ist etc. Ruth Klüger, eine emotional sehr unterkühlte und sachliche Frau, fiel es sichtlich schwer, ihren Söhnen in Wien die Orte ihrer Kindheit zu zeigen. Ihren Kindern hat sie auch nie die deutsche Sprache beigebracht und es ist ihr extrem wichtig, dass ihre Kinder Amerikaner sind. In einem Interview haben beide Söhne gesagt, dass ihre Mutter so gut wie gar nichts über ihre Deportation erzählt hat, maximal als eine ‚Story‘, aber nicht mit ihren eigenen Empfindungen verknüpft. Auch an zärtliche Kuschel- und Schmusestunden mit ihrer Mutter können sich beide Söhne nicht erinnern. Diesbezüglich war und ist sie stets eher unterkühlt, wer kann es ihr verdenken.

Heute, mit Mitte 80, hat sie für sich gelernt loszulassen und spricht selber von einer gewissen Altersweisheit, ja Alterswurschtigkeit. Sie genießt das Leben wie es ist, schreibt, gibt weiterhin Vorlesungen in Irvine, reist für und mit ihren Büchern. Sie sagt, es geht ihr gut und sei dankbar für ihre Möglichkeiten.

Mit Anfang 70 war das nicht so: sie hatte große Probleme mit ihrem Herzen und benötigte einen Herzschrittmacher, mittlerweile nennt sie bereits drei davon ihr eigen. Eine künstliche Hüfte hat sie auch noch erhalten und alles nutzt sie kräftig: Sie schwimmt jeden Morgen unter der kalifornischen Sonne ihre Bahnen im Pool, läuft möglichst viel und gerne, sie freut sich immer noch, dass Treppen kein Problem mehr für sie sind.

Ich finde diese Frau einfach total beeindruckend und möchte mit zwei Zitaten schließen:

“Ruth Klüger liebt die Stille, die alarmierende freilich, die Knappheit, die provozierende, das Understatement, das schreiende“

so Marcel Reich-Ranicki und ein Kollege von ihm, Thomas Steinfeld, über Ruth Klüger

“Sie nimmt wahr, sie hört hin, sie spürt nach, aber wirklich ergriffen, fasziniert, fixiert wirkt sie nie.“

Vielleicht geht es dir jetzt wie mir und ich habe deine Neugier geweckt. Der November hat gerade erst begonnen mit seinen Einladungen zu gemütlichen Lesestunden in der warmen Stube. Bücher von ihr gibt es ja genug!

Ich wünsche dir bereichernde Lesezeit von und mit Ruth Klüger.

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